Der Tag, an dem die Liebe erfror

Jessica war wütend. „Die Ungeimpften treten bitte nach vorn und erklären der Klasse, warum sie sich noch nicht haben impfen lassen“, hatte die Lehrerin befohlen, und Jessica war dagestanden wie ein begossener Pudel, und, anstatt auch nur ein Wort herausbringen zu können, in Tränen ausgebrochen. Ich habe keine Lust mehr, dachte sie. Mama spinnt einfach nur.

Drei Tage später kam die Gelegenheit. Der Impfbus fuhr an die Schule. Er war bunt angemalt, mit Figuren aus Disney-Comics. Sogar ihre große Heldin, die Eisprinzessin Elsa, war dabei gewesen. Eigentlich bin ich genau wie Anna, überlegte Jessica. Im Eiszauber erforen und nur die Trolle können mir helfen. Vielleicht ist der Doktor im Impfbus Trollhäuptling Grand Pabbie?

Es hatte gar nicht weh getan, genau wie es die Lehrerin versprochen hatte. Jessica hatte nicht hingesehen, und bevor sie es richtig gemerkt hatte, war es schon vorbei gewesen. Aber nun kam der harte Teil.

Wie sollte sie das nur ihrer Mutter erklären? Mama ging dauernd auf Demos, war bestens vernetzt und verfolgte viele Gruppen, die über Impfopfer berichteten. Seit aber Jessicas Lehrerin der Klasse erklärt hatte, dass alle Maßnahmenkritiker rechtsradikale Terroristen wären, konnte Jessica ihrer Mutter nicht mehr vertrauen, und weigerte sich, Mamas Berichte auch nur anzuhören. „Ich will nichts davon wissen, Mama, bitte, es ist doch sowieso schon alles Kacke genug.“ Und immerhin, Mama hielt dann die Klappe.

„Mama, wir wurden heute in der Schule geimpft. Ich weiß nicht gegen was, aber die Lehrerin hat gesagt, es wäre Pflicht, und dass ich alleine zustimmen kann. Und da hab ich gedacht, weil du so viel Stress hast zur Zeit, dass ich…“

„Was?“ rief Jessicas Mutter. „Aber ich habe dir doch so dringend gesagt, dass du auf keinen Fall… und mich immer sofort anrufen musst… zeig mal, hast du eine Bestätigung bekommen?“ Und da war es. Covid-Schutzimpfung. Das kann doch einfach nicht wahr sein, dachte Jessicas Mutter. Die zeig ich an. Das ist Körperverletzung in einem besonders schweren Fall.

Die Polizei weigerte sich erst, die Anzeige aufzunehmen. Aber dann kam Jessicas Mutter mit dem besten Anwalt der Stadt zurück, denn sie war eine äußerst erfolgreiche IT-Spezialistin und Geld war kein Problem. Da musste die Polizei die Anzeige erfassen.

Das Schreiben des Schuldirektors war eisig kurz. „Sie haben das Ansehen der Schule beschädigt und Lügen über uns verbreitet. Wir beabsichtigen daher, Ihren Schulvertrag für Ihre Tochter zu kündigen und geben Ihnen diesbetreffend Gelegenheit sich zu äußern bei einer Aussprache am…“

Das Gespräch war eine einzige Rumschreierei gewesen. Die Lehrerin beharrte darauf, dass Jessica das alleine entschieden hatte. Jessicas Mutter jedoch glaubte ihrem Kind, und steigerte sich in einen Furor, der damit endete, dass das Sicherheitspersonal der Schule sie mit Gewalt vom Schulgelände entfernte.

Nun war alles verloren. Jessica hatte keine Tränen mehr. Die exklusive Schule und die Freundinnen, alles weg. Dafür hatte sie sich doch spritzen lassen, dass sie endlich wieder etwas zusammen unternehmen könnten! Und wie würde es bloß mit Mama weitergehen. Auf der einen Seite war sie unglaublich wütend auf ihre Mutter, sie hatte alles kaputt gemacht. Auf der anderen Seite… sie liebte ihre Mama, und dass sie sich wie eine Löwin für sie eingesetzt hatte, noch nicht einmal im Traum daran gedacht hatte, dass Jessica sie belogen haben könnte… obwohl es so schrecklich war, was Mama angerichtet hatte, war Jessicas Liebe für ihre Mutter nur noch größer geworden. Ich müsste sie hassen, dachte Jessica, aber ich kann nicht.

Es klingelte an der Tür. Eine Frau stand dort, begleitet von drei Polizisten. „Dieser Beschluss des Jugendamts entzieht Ihnen das Sorgerecht. Jessica kommt mit uns, es wird gut für sie gesorgt werden.“ Die Polizisten mussten Jessicas Mutter tasern, aber natürlich war jede Gegenwehr sinnlos gewesen.

Jessica war nun jeder Qual der Entscheidung enthoben. Der Staat war jetzt ihr Vormund, und der zwang jeden sich impfen zu lassen, dem er das nur irgendwie vorschreiben konnte. Alle Heimkinder wurden geimpft, selbstverständlich. Wenigstens musste Jessica nicht mehr darüber nachdenken.

Sie fühlte sich ein wenig unwohl, und beschloss, sich ein Weilchen hinzulegen. Nur ein bisschen ausruhen, dachte sie, das wird bestimmt gleich wieder. Sie schlummerte ein.

„Elsa, wo kommst du denn her?“ Jessica freute sich riesig. Seit dem Beginn der Maßnahmen hatte sie es sich wieder und wieder gewünscht, ein Engel möge kommen und sie in das Königreich Arendelle mitnehmen. „Es ist dein Herz“, sagte Elsa, und ihre Stimme war sanft und gütig. „Es ist gefroren, siehst du?“ Und wirklich, es fühlte sich an wie ein kalter Klumpen in Jessicas Brust.

Die Nachricht im Abendblatt war sehr knapp, in einem Randartikel versteckt. „Eine 13-jährige ist gestern im Schlaf an einem Herzinfarkt verstorben. Sie hatte drei Tage zuvor ihre zweite Covid-Impfung erhalten, litt jedoch unter einer unerkannten Vorerkrankung. Die Ärzte schließen jeglichen Zusammenhang mit der Impfung aus.“

In memoriam Sarah Jessica Blattner – Gott wird dich trösten.