Rudy bleibt stur

Der kleine Elf Smirno ist kreuzunglücklich. Rudy weigert sich standhaft, eine Maske zu tragen. „Ich bin das Rentier mit der roten Nase. Niemand wird sie sehen, wenn ich so ein doofes Ding aufsetze!“ Wie soll Smirno das nur dem Weihnachtsmann erklären? Er versucht es noch einmal. „Wir malen einen roten Punkt auf deine Maske, dann wissen alle wer du bist, was hältst du davon?“ Rudy schnaubt. „Mal dir deinen roten Punkt auf den Popo! Entweder fliege ich ohne Maske oder gar nicht.“

Smirno bleibt nichts anderes übrig, er muss Nikolaus um Rat bitten. Aber da kommt er an die falsche Adresse. „Spinnst du? Dieses Weihnachten ist das schlimmste, das ich je hatte! Guck mal, dieses Kind wünscht sich, dass seine ungeimpften Eltern bei seiner Ballet-Aufführung dabei sein dürfen! Erstens, wann haben sich Kinder jemals sowas gewünscht? Als Nächstes wünschen sie sich noch, dass sie mit Mama zum Einkaufen dürfen! Und zweitens, wie stellt die Kleine sich das eigentlich vor? Soll ich mal eben die Regierung stürzen, oder was? Ich bin verflucht noch mal der Weihnachtsmann, ich habe keine Ahnung von politischen Kampagnen!“

Smirno macht, dass er aus der Weihnachtswerkstatt wieder herauskommt. Wenn Nikolaus in so einer Stimmung ist, kann alles passieren, einfach alles. Letztes Jahr, da hatte sein Kumpel Ritzelpotz es im höchsten Stress der letzten Stunden vor dem Wiegenfest gewagt, dem Weihnachtsmann den Einsatz einer neuen Navigationssoftware von Google vorzuschlagen. „Google!“ hatte der Weihnachtsmann geschrieen. „Die schicken mich doch für jedes Kind, das auf einer Demo war, an den Südpol!“ Und Ritzelpotz musste danach 3 Monate mit Eselsohren herumlaufen.

Smirno setzt sich unter einen Baum im geheimen Nordpolpark. Dicke Elfentränen laufen ihm übers Gesicht. Die schmecken nicht salzig, sondern nach Lebkuchen. Aber das tröstet Smirno auch nicht, er ist verzweifelt. Alle Kinder würden traurig sein, wenn an der Spitze des Schlittens keine rote Nase leuchten würde.

Und wie das so ist, wenn man traurig und verzweifelt ist, kommt der Teufel vorbei. „Geh weg“, sagt Smirno. „Du stinkst.“ Der Teufel lacht. „Aber warum denn? Schweflig Wasser ist dieses Jahr groß in Mode! Mach mal den Fernseher an, das kommt sogar aus der Glotze raus!

„Ich habe eine Idee“, meint der Teufel. „Biete Rudy doch zwei Extraportionen Karotten an, und versprich ihm, dass er sie heimlich bekommen wird. Dann wird er glauben, er sei etwas Besseres, und brav mit Maske fliegen.“

„Verdammt“, fährt Smirno den Teufel an. „Alle sagen dass du ein Trottel bist, und sie haben recht. Rudy bekommt doch sowieso jedes Jahr extra Karotten, weil er vorne fliegen muss. Was soll das also nützen?“

Der Teufel weiß ganz genau, dass Rudy schon mehr als genug Karotten hat. Aber im Lügen und Täuschen ist er Weltmeister, da kann der kleine Elf ihn beschimpfen so viel er will, seine Pläne wird der auf gar keinen Fall durchschauen. „Hör mal, tut mir leid, ich will doch nur helfen. Ich weiß doch, wie schwer du es hast“, schmeichelt er sich ein. „Ich habe Fotos, vom letzten Jahr. Rudys Maskenbefreiungs-Attest war gefälscht, ich kann es beweisen. Wenn du Rudy drohst, du gibst Nikolaus die Fotos, dann macht er bestimmt alles was du willst!“

Smirno seufzt. Ach, wenn das mit dem Attest doch noch gehen würde. Aber dieses Jahr sind alle Feen weg, die solche Atteste ausgestellt hatten. Die Feen, die noch praktizieren, trauen sich deshalb nicht mehr, Atteste zu schreiben.

Einen Versuch wäre es wert, denkt Smirno. „OK ich mach es. Zeig mal die Fotos.“ Aber da kennt er den Teufel schlecht. „Ich habe Copyright auf diese Fotos, verstehst du? Die sind viel wert! Wir müssen erstmal Vertrag machen.“ Der Teufel greift in seine Tasche und zieht eine Papyrus-Rolle hervor. „Schau, nur ein Tropfen Blut von dir, und es ist besiegelt. Tut gar nicht weh.“ Und er präsentiert Smirno seine rasiermesserscharf geschliffenen Krallen.

Smirno ist auf dem Weg zu Rudy. Es tut sogar verdammt weh, und die Wunde am Finger eitert. Aber der Teufel hat versichert, das sei nur eine „sehr seltene Nebenwirkung“.

Smirno legt Rudy die Fotos vor. Natürlich sind es nur Kopien, vom Teufel bekommt man ja nie das Original. „Siehst du“, triumphiert Smirno. „Sie hat dich gar nicht untersucht, einfach nur Feenstaub auf die Urkunde getan. Also. Entweder du fliegst jetzt mit Maske, oder…“

„Was oder“, sagt Rudy. Er kennt Smirno schon lange, und er hat sich immer so lieb um Rudy gekümmert. Er kann sich einfach nicht vorstellen, dass Smirno ihm was Böses antun würde.

„Ich gebe die Fotos dem Weihnachtsmann! Und dann wirst du schon sehen!“ ruft Smirno. „Ich hab schon genug Ärger, die Zeit läuft uns davon. So ein Primaballerina-Theater kann ich jetzt nicht brauchen!“

Rudy läuft weit nach draußen, in den tiefen Schnee. Er gräbt sich eine Grube und kuschelt sich ein. Er wird einfach hier bleiben, und warten, bis der kalte Schlaf ihn findet. Dann würden alle Sorgen fort sein.

Ein kleines goldenes Sternlein fliegt herbei. „Warum bist du so traurig?“ fragt es, und seine Stimme ist warm und gütig. Rudy flennt hemmungslos. „Es hat alles keinen Sinn mehr. Egal, was ich tue, es ist verkehrt.“

„Warte“, sagt das Sternlein. „Mir fällt da gerade etwas ein.“

Der große Moment ist gekommen. Die Rentiere werden angespannt, der Schlitten leuchtet in den zauberhaftesten Farben. Rudy hat keine Maske auf. Smirno tobt. Er hatte nichts von Rudy gehört, und war deshalb sicher gewesen, dass es keinen Ärger geben würde. Und nun das. Der Polarpolizist hat auch schon gemerkt, was Sache ist, und schlendert herbei. „Wieso keine Maske, du Blödkopf? Ohne Maske nix fliegen, ist das klar?“

Rudy zittert ein wenig, aber er nimmt all seinen Mut zusammen. „Hier ist mein Attest.“ Der Polarpolizist lacht. „Ist sowieso ungültig. Alle Elfen, die Atteste ausstellen, habe ich längst eingesperrt.“

Inzwischen ist Nikolaus aufmerksam geworden und kommt dazu. „Was ist hier los?“ Rudy ist erleichtert. Wenigstens der Weihnachtsmann wird wissen, wer sein Attest unterschrieben hat. „Die sagen, mein Attest wäre ungültig. Aber das stimmt nicht!“ Der Weihnachtsmann streckt die Hand aus. „Lass mal sehen.“

Nikolaus studiert die Unterschrift. Da ist ein Stern, und ein Tropfen Blut. Unter dem Stern steht etwas geschrieben, es ist eine Beglaubigung. Aber sie ist winzig, Nikolaus muss erst seine Brille aufsetzen. „Notariat Eselsherberge Bethlehem“, liest er laut vor, und erschrickt.

Smirno wird mit den Eselsohren sogar 6 Monate herumlaufen müssen. Und Rudys Nase leuchtet so strahlend rot auf der Reise um den Globus, dass die Kinder es gar nicht merken, dass kein einziges der Rentiere eine Maske aufhat.