Schöpfungsstaub

Der alte Bär spürte, dass der Tag gekommen war. Die Kerzen flackerten, und ihr unruhiges Licht warf seltsame Schatten an die Höhlenwände.

Er rief nach seinem Jüngsten. „Da ist Eines, das ich dir noch sagen muss. Es muss leuchten durch die Zeit, denn ohne es bleibt nur Dunkelheit.“

Die Augen des kleinen Bären wurden groß. „Aber… ich… ich weiß doch gar nicht, ob ich es bewahren kann?“

„Niemand ist jemals bereit dafür“, sagte der alte Bär freundlich, „und niemand wird es jemals sein. Doch es begegnet immer nur dem Richtigen, also fürchte dich nicht.

„Hast du die Weisen sagen hören, Gott sei die Liebe? Sie sagen es seit altersher. Aber wie kann das sein? Der Tod, das Dunkel, die Angst – sie sind überall. Ist die Liebe denn nur ein Ideal, eine Hoffnung, eine Täuschung?

„Siehst du, niemand versteht, was das ist, die Liebe. Jeder führt sie im Munde und begründet damit, was immer ihm für seine Wünsche dienlich ist. Vielleicht denkst du, Liebe, das sei, einem hübschen Bärenmädchen schöne Augen zu machen. Nun, das ist sie auch – selbstverständlich.“

Der kleine Bär musste kichern. Gerade gestern erst hatte sie ihm wieder zugelächelt, das dritte Mal schon in den letzten Tagen. Wann würde er endlich den Mut finden, sie anzusprechen?

Ein nachsichtiges Schmunzeln huschte über das faltige Antlitz des alten Bären. Er hatte seine Jugend nicht vergessen, sie gehütet als kostbaren Schatz sein Leben lang, und sich deshalb Güte und Verständnis bewahrt.

„Es ist nur ein schwaches Bild, doch sieh es einmal ganz anders an: Die Liebe ist das Verbindende, und der Hass das Trennende. Hast du schon einmal davon gehört, dass das Ganze immer mehr ist als die Summe seiner Teile?“

Der kleine Bär nickte eifrig. „Die Früchte am Baum gibt es nicht ohne Wurzel, Stamm und Blätter. Und nur gemeinsam erschaffen sie, jeder für sich würde nichts hervorbringen.“

„Ganz genau“, stimmte der Alte zu. „Es beginnt mit einem Staubkorn, das sich mit einem anderen Staubkorn vereint. Es mag dich überraschen, aber die Wollmäuse unter deinem Sofa sind das, was – in galaktischem Maßstab – Sonnen hervorbringt, und auch Planeten. Und damit dann auch alles andere. In allem, das irgendwo ist, existiert diese Bindungsenergie, und so ist also alles immerzu bestrebt, sich zu verbinden. Und daraus entsteht die Schöpfung.“

Der kleine Bär sah verwundert auf. „Das Universum ist eine große Wollmaus? Und Gott sitzt auf dem Sofa drüber?“

Der alte Bär lachte. „Ich wusste, dass das Geheimnis bei dir gut aufgehoben ist. Aber du musst aufhören, Gott als einen Bären anzusehen. Das ist Er nicht. Auch zu glauben, Er sei die Energie, die zur Bindung strebt, ist zu kurz gerungen. Woher kommt denn diese Energie, und was wäre mit ihr, wenn sie verbraucht wäre?

„Nenne Es wie du willst, aber du begreifst besser, wenn du Es als Gesetz achtest, welches solcherart beschaffen ist , dass Es Bindungsenergie nicht nur hervorbringt, sondern sogar unausweichlich macht.

„Jedenfalls, das Geheimnis, das ich dich bitte zu bewahren, ist sehr traurig. Es ist einfach, und einfach zu verstehen, und dennoch weigern sich alle, es anzuerkennen.

„Siehst du, wenn das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile, was geschieht denn mit diesem Mehr, wenn das Ganze zerlegt wird?

„Es wird freigesetzt, und sucht nach neuem Nutzen. Denn das ist seine Natur. Aber was meinst du, was ist einfacher – zu erschaffen oder zu zerstören?“

Der kleine Bär dachte kurz nach. „Naja, an meinem Schaukelpferd haben wir eine Woche gebaut. Aber um es kaputt zu machen, bräuchte ich nur eine Axt und ein paar Minuten. Zerstören ist also viel leichter, glaube ich.“

„Ja, mein kluger Junge, du hast völlig recht. Aber es wird noch schlimmer. Zerstören, das ist ein kurzer, schneller Akt, und er bringt mit wenig Aufwand große Energie hervor, wenn er das Bindende freisetzt. Während Erschaffen auf Dauer zwar viel mehr Energie hervorbringt, schon allein, weil diese Energie nicht versiegt wie die Zerstörungsenergie, aber für den Moment der Schöpfung ist es weniger als im Akt der Zerstörung. Es braucht also nicht nur Fleiß, sondern auch Geduld und Zuversicht, um die Früchte des Schaffens zu ernten.

„Und so gibt es zwei Sorten Wesen: Die Faulen und die Fleißigen. Die einen sind ungeduldig, wollen alles sofort und ohne Arbeit, sie reden sich ein, das stünde ihnen zu. Die anderen hingegen streben nach der Tugend der Geduld, und erwarten sich nur das, was das Leben ihnen schenkt.

„Aus Faulheit also ergibt sich einer der Zerstörung, dem Bösen, und merkt dabei nicht, dass auch er nur von der Liebe lebt. Denn es gibt nichts, das nicht von der Liebe zehrt, und verachte man sie noch so sehr. Doch der eine Weg führt zum Ende der Zeit, der andere aber in die Ewigkeit.“